Ist Game-Streaming eine Horrorvision? + UPDATE

Next-Gen Xbox One wird (auch) eine Streaming Box

Angeblich sind zwei neue Konsolen aus dem Hause Microsoft in Entwicklung. Eine traditionelle Variante mit noch mehr Power und eine abgespeckte Xbox, die primär als Streaming Box angedacht ist. Und jetzt? Panik? Verzweiflung? Das heißgeliebte Hobby aufgeben?

Ich denke, so weit muss man es nicht kommen lassen, auch wenn in diversen Foren schon der Streaming-Teufel an die Wand gemalt wird und manche Gamer ankündigen ihr Hobby an den Nagel zu hängen. 

Was ist denn jetzt so schlimm am Game-Streaming?

Auch wenn der gemeine Gamer dazu neigt ganz schnell mit Vorurteilen um sich zu schmeißen und die allgemeine “Erstmal-Haten-Kultur” im Internet weit verbreitet ist, so gibt es meiner Meinung nach durchaus legitime Gründe, die eine abgeneigte Haltung gegenüber dem Streaming verursachen können.

Es gibt keinen greifbaren Gegenwert

Zunächst einmal besitzt der Streaming-Gamer seine Spiele noch weniger als jemals zuvor. In den guten alten Zeiten der physischen Datenträger hatte man etwas in der Hand, einen greifbaren Gegenwert für sein sauer verdientes Geld. Als die Digitalisierung einzog und Spiele auch per Download erwerbbar wurden gab es einen ähnlichen Aufschrei wie jetzt, denn schon damals sah man es als Problem an, dass man im Grunde nur einen Eintrag in einer Datenbank gekauft hatte. 

Allerdings hatte man nach dem Herunterladen die Software wenigstens auf der Festplatte. Das ist ja noch irgendwie greifbar, wenn man so will, und im Laufe der Zeit haben sich auch die meisten Gamer daran gewöhnt und beachtliche digitale Bibliotheken aufgebaut.

Beim Streaming hingegen besitzt man nun wirklich praktisch gar nichts mehr, außer das (möglicherweise sogar zeitlich begrenzte) Nutzungsrecht. Das führt auch dazu, dass der menschliche Sammeltrieb in keinster Weise mehr gereizt wird. 

Technische Limitierungen

Deutschland ist, wie wir ja alle wissen, Internet-Neuland. Die digitale Infrastruktur ist im Vergleich zu anderen Ländern mehr schlecht als recht, so dass es eine ordentliche Breitband-Anbindung zumeist nur in den Städten gibt. Wer im Gau wohnt hat verloren, denn um einigermaßen anständig Spiele zu streamen, sollte wenigstens eine 100Mbit Leitung vorhanden sein und auch der Weg zum nächsten Rechenzentrum darf nicht zu lange sein – sonst erhöht sich die Latenz und das äußert sich wiederum in einem unangenehmen, nicht-responsiven "Spielerlebnis".

Aber auch wenn man zu den glücklichen Menschen gehört, die eine sehr gute Anbindung haben, muss natürlich auch der Streaming-Anbieter dafür Sorge tragen, dass sein Dienst immer verfügbar ist und technisch einwandfrei läuft. Das ist eine Herausforderung an sich, denn je mehr Nutzer ihre Games streamen, desto besser muss die Hardware des Betreibers skalieren. Dabei sind die Herausforderungen ungleich höher, als beim Streaming von Filmen und Serien. Dazu kommt natürlich auch noch, dass die eigene Internetverbindung auch immer dann funktioniert, wenn man zocken möchte. Ausfälle dieser Art gibt es zwar immer weniger, aber nach Murphy's Law passieren sie natürlich immer genau dann, wenn man sie überhaupt nicht brauchen kann.

Das sieht auch nicht richtig geil aus!

Meine persönlichen Streaming-Erfahrungen mit PS Now und Steam Home-Link waren bislang, sagen wir mal, unterwältigend. Ja, es funktioniert. Irgendwie. Man kann so spielen. PS Now beschränkt sich überwiegend auf ältere PS3 Spiele und 720p Darstellung und auch dabei sind grafische Artefakte und matschige Texturen zu sehen. Selbst mit dem Steam Home Link konnte ich derlei Dinge beobachten – und das obwohl ich das Gerät per 1Gbit Kabelverbindung angeschlossen hatte und der Weg vom Wohnzimmer bis ins Büro nur etwa 5m lang ist.

Bezüglich der Latenz war ich allerdings bei meinen Tests weniger gestresst. Beides lief zumindest soweit lagfrei, dass Singleplayer-Spiele problemlos funktionierten. Eine Testrunde Counterstrike: Go war allerdings ein ziemliches Desaster...

Was spricht denn eigentlich dafür?

Nach unbestätigten Gerüchten und allgemeiner Spekulation wird Microsoft frühestens 2020 seine neue Konsolengeneration auf den Markt werfen. Genug Zeit also, um serverseitige, technische Unzulänglichkeiten abzustellen. Auch soll die Next-Gen Streaming Box einen Teil der Berechnungen übernehmen und damit das Spielerlebnis weiter verbessern.

Gehen wir also einfach mal davon aus, dass wir 2020/21 relativ lagfrei und ohne Pixelmatsch unsere Spiele streamen können. Dies vorausgesetzt hat das Spiele-Streaming natürlich auch Vorteile. So starten Spiele quasi ohne nennenswerte Ladezeiten und performen selbst auf uralten Daddelkisten, als ob die allerneueste Hardware verbaut wäre.

Auch kann man davon ausgehen, dass das erfolgreiche Netflix-Modell im Spielebereich Einzug halten wird. Wir zahlen monatlich eine Gebühr und können dafür auf  alle Spiele, die im Katalog des Anbieters enthalten sind, zugreifen. Eine echte Zocker-Flatrate.

Im Grunde würde das teuere Hobby Videospiele deutlich günstiger werden und somit würde auch die Hemmschwelle für Nicht-Zocker wesentlich niedriger liegen als jemals zuvor. Wir dürfen dann viele neue Mitspieler begrüßen, oder eben den Streaming-Noobs auf den Schlachtfeldern von Battlefield, Call of Duty und Co. zeigen was eine Harke ist. 

Definitv wird das Medium Spiel weiter in die gesellschaftliche Mitte rücken und das ist tatsächlich eine Sache, von der wir alle was haben. Mehr Akzeptanz, mehr Anbieter, größere Konkurrenz und weiter sinkende Preise für unser geliebtes Hobby.

Wie kann ich mich dagegen wehren, wenn ich keine Lust auf den Scheiß habe?

Vermutlich lässt sich die Entwicklung nicht aufhalten und früher oder später werden wir nicht um das Streaming drumherum kommen. Meiner Meinung nach wird es aber nur eine weitere, optionale Möglichkeit für uns Gamer sein unserem Hobby zu frönen. 

Kann natürlich sein, dass in fernerer Zukunft manche Titel nicht mehr in einer Retail-, oder Download Variante zur Verfügung stehen werden und man dann eben streamen muss, wenn man diese bestimmten Titel zocken will – in etwa so, wie man heutzutage auch längst nicht mehr alle Spiele beim örtlichen Händler in einer Schachtel stehend im Regal findet.

Zum Glück haben wir alten Hasen aber noch einen mächtigen „Mountain of Joy“ über die Jahre aufgehäuft, mit unzähligen Spielen, die wir dann alle nacheinander zocken können! Spätestens dann ist die Zeit reif für all die ungespielten Perlen, die man im Kaufrausch bei unzähligen Steam Sales erstanden hat. Oder im PSN, oder im Media Markt um die Ecke. Ihr wisst schon, woher die ganzen ungespielten Titel kommen, nicht wahr?

Nur solltet ihr eure Konsolen und Spiele-PC's nicht verkaufen, damit ihr den Kram auch wirklich zocken könnt, wenn das junge Gemüse nur noch streamt und gar nicht weiß, dass man das Medium früher anders konsumiert hatte.

[Nachtrag] Meine persönliche Meinung zum Thema

Dieser Artikel wurde ursprünglich nur bis zu dieser Stelle veröffentlicht. Als mein geschätzter Kollege Haby ihn gelesen hatte, kam bei ihm der Eindruck zustande, ich wäre Contra-Streaming eingestellt. Es war nicht meine Absicht diesen Eindruck zu vermitteln. Im Grunde wollte ich nur die positiven, wie auch die negativen Seiten beleuchten. Ich persönlich sehe Game-Streaming sogar eher als eine positive Sache, vorausgesetzt es läuft technisch einwandfrei. 

Haby hat auch noch zwei weitere interessante Argumente angeführt. Erstens erspart man sich durch Streaming die Anhäufung unfassbar vieler Spieleschachteln im Laufe der Zeit. Ich denke, das kann man aus Sammler-Sicht auch anders sehen. Auch wenn heutzutage viele Spielepackungen (insbesondere bei den PC Versionen) nur noch einen Downloadcode beinhalten, oder man eh noch diverse Patches downloaden muss, sind die Schachteln einfach sehr beliebt. Viele Gamer wollen einfach einen physischen Gegenstand ins Regal stellen. Mir ist das allerdings ehrlich gesagt wurscht. Ich brauche keine Packungen.

Zweitens bietet eine hypothetische "Game-Flatrate" auch die Möglichkeit, dass man Spiele einfach mal anzocken kann, ohne dass man (zusätzlich zum Abo) Geld dafür ausgeben muss. Das ist allerdings ein Mehrwert, den man nicht abstreiten kann. 

Alles in Allem bin ich tatsächlich sehr neugierig darauf, wie sich das Game-Streaming entwickelt und ich werde alles ausprobieren. NVidia, Microsoft, Valve, Sony und wer auch immer solche Services anbieten wird – ich freue mich darauf und prüfe gerne alles auf Herz und Nieren :) Ich bin viel zu viel Technik-Nerd, als dass ich mir das entgehen lassen würde. Auf Player's Central könnt ihr dann zu gegebener Zeit nachlesen, wie gut oder schlecht die Services funktionieren ;)

Über den Author: Timo "Dukuu" Schweda
Dukuu liebt Videospiele und schreibt auch gerne darüber. Auch hängt er gerne mal die krumme Nase in die Kamera und labert dummes Zeug über Videospiele. In seiner Freizeit sollte er lieber mal mehr Sport machen und weniger zocken, damit die fette Wampe ein wenig kleiner wird. Wobei... wen interessiert's?

Kommentare

Dukuu
Ich sehe diese ganze Streaming Sache total entspannt. Auf mittlere Sicht wird es eine weitere Option sein unserem Hobby nachzugehen und auf Dauer glaube ich auch nicht, dass die hübschen Spieleschachteln und Download-Versionen völlig verschwinden. Zumindest solange nicht, wie eine gediegene Nachfrage besteht. Es liegt also am Ende auch bei uns, wie die Zukunft aussieht ;)
Haby
Ja, gerade das Problem das mitlerweile schon viele Spiele nur noch Serverbasiert sind; macht in meinen Augen physische Versionen nur noch zu Staubfängern. Und da sehe ich eben das Problem, da jede Spielepackung eben auch Platz kostet und man sehr schnell ein risiges Regal zusammen hat. / Ich habe bei mir Zuhause z.B: ein Regal an alten PC Spielen die heutige PCs nicht mehr abspielen können. Super was bringen, die mir jetzt wenn ich sie nicht mehr Spielen kann! Nichts genau! Und genau da sehe ich den Vorteil von Game – Streaming das man seine Spiele immer auf sein aktuelles System das man Zurzeit verwendet mit nehmen kann. Wie geil wär es den wenn man mit seinen Handy z.B Skyrim mobil zocken könnte. :)) :))
ABC
Von einer Streaming Box erwarte ich aber eine gewisse Offenheit. MS hätte mit Windows und der Xbox beste Chancen auf dem Smart-"Home" Markt fuss zu fassen. Ich schätze in dem Bereich wird sich einiges tun in den nächsten 10 Jahren.
Dukuu
Ohja, ich denke auch, dass in 10 Jahren mein Haushalt ganz anders funktioniert als heute. Und auch Game Streaming wird bis dahin sicherlich eine ganz normale Sache sein. VR könnte in Zukunft auch richtig gut funktionieren. Ich freue mich durchaus auf derartige Neuerungen :)
Deine Meinung ist gefragt!

Schreib einen Kommentar und lass die Welt wissen, was Du denkst.