Ist Anthem wirklich so schlecht?

Eine Frage der Erwartungshaltung

Es war ja irgendwie abzusehen. Anthem ist noch keine Woche per Frühzugang spielbar und schon dreht das halbe Internet am Rad. Kein Content, kein Endgame, doofe Story, alles Mist! Selbst die professionell schreibende Zunft lässt kaum ein gutes Haar an dem Spiel.

Ich spiele Anthem selbst seit dem 15. Februar und natürlich lese ich all die vielen Kommentare und Berichte. Dabei sind mir folgende Aussagen besonders häufig aufgefallen.

Die Story ist doof, schlecht geschrieben und die Charaktere sind flach

Ich habe nach 15 Stunden alles gesehen und das Endgame ist quasi nicht vorhanden

Das Spiel ist total verbuggt, stürzt dauernd ab und die Ladezeiten sind unerträglich

Es gibt keinen guten Loot und der Grind macht keinen Spaß

Warum kommen mir nur all diese Dinge so bekannt vor? Ach ja, ich hab das alles schon einmal gelesen, damals als Destiny herausgekommen ist. Und noch einmal beim Nachfolger, Destiny 2. Selbst das heute sehr beliebte Diablo 3 wurde kurz nach Release in Grund und Boden gehatet. Die Frage ist jetzt also, ob Anthem wirklich so schlecht ist, oder ob die vielen negativen Aussagen einfach nur durch eine falsche Erwartungshaltung entstanden sind.

Eine mysteriöse Geschichte

Die Story von Anthem spielt laut Aussage der Entwickler eine eher untergeordnete Rolle. Das war mir zumindest schon lange sehr bewusst, denn ich habe auf GamersGlobal am 14.10.2018 eine News genau dazu verfasst. Könnt ihr hier nachlesen: https://www.gamersglobal.de/news/151004/bioware-gameplay-ist-wichtiger-als-die-story-in-anthem

Laut der Aussage des Game Directors Jonathan Warner lag der eindeutige Fokus auf dem Gameplay. Sie wollten zwar schon eine immersive Welt erschaffen, aber die eigentlichen Helden der Geschichte sollten der Spieler und seine Mitspieler sein. Der Aspekt des gemeinsamen Erlebens stand im Vordergrund bei der Entwicklung.

Es ist völlig legitim ein Spiel so zu planen und es ist auch fair das genau so zu kommunizieren. Ich habe deshalb auch keine preisverdächtige Story erwartet, auch wenn ich nach der vielversprechenden Demo glaubte, dass vielleicht doch etwas mehr kommt.

In Ansätzen ist auch eine interessante Geschichte vorhanden, aber sie wird nicht ausformuliert. Viele Hintergründe sind nur indirekt erfahrbar, also durch das Lesen von Informationsschnippseln und das Hören von Radiosendungen. Anthem hält sich bei der Erzählung sehr zurück und überlässt es dem Spieler, ob er mehr über die Welt erfahren will.

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Klauninchen sind eine mysteriöse Spezies, aber es ist bislang noch nicht allzuviel über sie bekannt.

Aber auch wenn ihr euch die Mühe macht und alle möglichen Informationsquellen nutzt, bleibt die Story weitestgehend mysteriös und unvollständig. Die Absicht dahinter könnte in der Natur des Spiels als Service liegen. Vermutlich werden im Laufe der Zeit einige dieser Mysterien aufgelöst, aber zum jetzigen Zeitpunkt ist eben noch vieles nebulös.

Etwas zu kurz geraten?

Es gibt wohl tatsächlich einige Leute, die nach 15 Stunden mit der Kampagne durch waren – innerhalb von nicht einmal 2 Tagen. Die haben also mehr oder weniger das Spiel von Anfang bis Ende durchgesuchtet und behaupten dann, dass alles Kacke ist. Ich war nach 15 Stunden Spielzeit auf Level 14, irgendwo mitten in der Story. Klar, ich genieße mein Spiel, lass mir Zeit und hör auch mal zwischendurch auf. Wie beim Essen. Wenn ich mir in kürzester Zeit eine Riesenportion einverleibe wird mir halt schlecht.

Es gibt diese Spieler, die schon beim ersten Spielstart ans Endgame denken. Das ist auch ein bisschen so, als würde ich beim Anblick einer frisch zubereiteten Portion Spaghetti Bolognese direkt ans Scheißen denken. Kann ich nicht nachvollziehen, ich will erstmal gemütlich futtern und mach mir über die Verdauung Gedanken, wenn es soweit ist.

Genug der Essens-Analogien. Tatsächlich ist die Kampagne auch nicht kürzer, als bei Destiny und Diablo. Sie hat allerdings einen Schönheitsfehler und der hört auf den Namen "Grab-Quest". Der Name klingt zwar spannend, aber die Quest ist furchtbar öde. Ernte 25 Pflanzen, töte 50 Gegner im Nahkampf, öffne 15 Truhen und so weiter.

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Eine der insgesamt vier "Herausforderungen" der Tomb-Quest. 16 Mal Balken vollmachen, bitteschön.

Versteht mich jetzt nicht falsch, ich finde Grind in solchen Spielen schon in Ordnung. Es macht ja auch Spaß in der freien Welt rumzufliegen und alles zu erforschen, aber wenn ich praktisch keinerlei Belohnung für den Grind bekomme, dann ist das schlechtes Spieldesign. Erfülle ich die Aufgaben, darf ich ein Grab betreten, kriege ein sinnloses Item und kann wieder gehen.

Zum Glück hat Bioware diese Sinnlos-Grind-Quest entschärft und eure Taten vor Antritt der Quest werden jetzt auch gezählt. So solltet ihr den Käse halbwegs zügig hinter euch bringen können. Ich hatte leider das Pech, dass ich bei Null anfangen musste.

Käfer, Käfer, überall Käfer

Anthem ist tatsächlich ein wenig arg bug-verseucht. Über Kleinigkeiten, wie zum Beispiel Grafikfehler und gelegentliches Ruckeln, nicht gut genug optimierte Technik und ähnliches, kann ich noch hinwegsehen. Die auf dem PC häufigen Abstürze sind aber ein echtes Problem. Länger als 2 Stunden am Stück hält Anthem bei mir nicht aus, bevor entweder das Spiel, oder gleich die ganze Kiste die Flügel streckt. Das Spiel neustarten hilft bei mir dann auch nicht, ich muss den ganzen PC aus- und wieder anschalten, damit das Spiel nicht gleich nach 5 Minuten wieder abschmiert.

Es gibt aber offenbar noch mehr Schwierigkeiten, wie den immer noch nicht richtig gefixten Ladescreen-Bug. Alles hier jetzt aufzuzählen, würde auch den Rahmen sprengen. Ich sag es mal so: Ich kann den Ärger über die vielen Bugs nachvollziehen. Sagt ja keiner was gegen ein paar Fehlerchen, aber Anthem ist in einem technisch miserablen Zustand veröffentlicht worden. Da braucht man sich auch nicht wundern, wenn die Fans zurecht aufgebracht sind.

Endgame, Grind und Loot

Im Endgame angekommen, offenbart sich eine gewisse Inhaltsarmut. Es gibt 3 Strongholds, wobei einer lediglich recycled ist, Contracts, Daily- Weekly- und Monthly-Missionen. Letztere sind auch wieder nur Sammelaufgaben, die nebenbei erledigt werden können. Wer an dieser Stelle keine Lust auf Grind hat, um seinen Gearscore weiter zu verbessern, hat im Grunde eh schon so ziemlich alles gesehen und kann weitergehen. Schnellspieler sind wohl so ab 15 Stunden an dem Punkt, andere vielleicht erst nach 25.

Bei einem normalen Singleplayer-Vollpreistitel würde sich auch kein Mensch daran stören. The Last Of Us ist auch nach 15 Stunden erledigt, aber es wird von Kritikern und Spielern gefeiert. Wo also liegt das Problem bei Anthem? Es liegt an der Erwartungshaltung der Spieler! Diese Art von Spiel soll hunderte Stunden unterhalten und eine unaufhaltsame Lootspirale bieten, die maximal motivierend ist. Genau diese Lootspirale gibt es aber leider nicht in der Ausprägung, wie es erwartet wurde.

Und, ist Anthem jetzt ein schlechtes Spiel?

Wenn ihr mich fragt: Nein, Anthem ist trotz aller Mankos kein schlechtes Spiel! Mir macht Anthem Spaß, weil mir die Welt und die Spielmechaniken sehr gut gefallen. Ich habe aber auch nicht viel mehr erwartet, als das was ich bekommen habe. Schon aus Erfahrung war mir klar, dass die Luft im Endgame dünn sein wird. Außerdem deuteten so ziemlich alle Aussagen der Entwickler im Vorfeld darauf hin. Wir wussten doch, dass es (vorerst) keine Raids geben wird, die Story nicht die Hauptrolle spielt und es auch keinen PvP geben wird, der zum Beispiel beim Release von Destiny ein wenig über den Content-Mangel hinwegtrösten konnte.

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Die Spielmechaniken, wie zum Beispiel das Fliegen, sind das Highlight des Spiels.

Anthem steckt noch in den Kinderschuhen und ich bin mir sicher, dass wir nächstes Jahr um diese Zeit ein deutlich besseres Spiel sehen werden. So ist das mit *Games-As-A-Service. Solche Spiele brauchen ihre Zeit und sie brauchen vor allem auch eine aktive Community. Wir alle können dazu beitragen, dass Anthem besser wird. Wir müssen Feedback geben in allen möglichen Foren, unserer Stimme Ausdruck verleihen.

Es wird vorerst keine Review geben

Ich habe mich dazu entschlossen, keine Review zu schreiben und eine Zahl drunter zu setzen. Anthem ist noch ein kleines Baby und als solches noch nicht reif für eine Bewertung. Es muss noch wachsen und erst dann finde ich es seriös zu urteilen. Klar, die großen Gaming-Webseiten sind mehr oder weniger gezwungen jetzt eine Wertung abzugeben, aber zum Glück zwingt mich niemand zu irgendwas. Ich kann Wertungen zu Anthem zum jetzigen Zeitpunkt absolut nicht ernst nehmen, die müssen eigentlich alle schlecht ausfallen und damit tun sie dem Spiel aufgrund seiner Natur als Service-Spiel unrecht.

Ich werde jetzt einfach noch so lange weiterspielen, wie ich Spaß am Spiel habe und mich dann eben anderen Spielen zuwenden. The Division 2 kommt auch schon bald und wenn mir dort die Inhalte zu dünn werden, gibt es vielleicht auch Neues bei Anthem. In den kommenden Monaten werde ich auf jeden Fall genau beobachten, was Bioware treibt. Ich möchte ja, dass Anthem zu dem feuchten Traum von Spiel wird, den sich so viele, inklusive mir, wünschen.

Habt ihr Anthem gespielt und wie findet ihr es? Wurden eure Erwartungen erfüllt, oder seid ihr enttäuscht? Schreibt eure Meinung wie immer gerne in die Kommentare.

Über den Author: Timo "Dukuu" Schweda
Dukuu liebt Videospiele und schreibt auch gerne darüber. Auch hängt er gerne mal die krumme Nase in die Kamera und labert dummes Zeug über Videospiele. In seiner Freizeit sollte er lieber mal mehr Sport machen und weniger zocken, damit die fette Wampe ein wenig kleiner wird. Wobei... wen interessiert's?

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