Gris

Eine wunderschöne Reise durch eine faszinierende Welt

Es wäre ein Leichtes zu sagen, dass es sich bei Gris um einen Puzzle-Plattformer handelt, dessen Protagonistin ihr durch eine liebevoll gezeichnete Welt hüpfen und laufen lasst. Doch das würde dem Titel nicht gerecht werden.

Natürlich ist Gris im Kern "nur" ein Jump'n'Run der besseren Sorte. Was das Spiel jedoch von seinen unzähligen Genre-Kollegen unterscheidet ist die Meta-Ebene. Die fesselnde, melancholische Stimmung die mich durch den hervorragenden Soundtrack und die wunderschöne Grafik an diesem Wochenende so sehr in seinen Bann gezogen hat.

Gris ist eine Augen- und Ohrenweide

Ehrlich gesagt fand ich die ersten Screenshots, die ich gesehen habe, weniger berauschend. Die Grafik wirkte auf mich sehr minimalistisch und ich brauchte eine ganze Weile, bis ich überhaupt die winzig kleine Protagonistin ausmachen konnte. Doch je mehr ich von dem Spiel sah, desto interessanter fand ich es. Diese ersten Bilder waren aus den Anfangslevels, und wirklich sehr schlecht ausgewählt, wodurch dieser Fehleindruck bei mir entstanden ist.

Tatsächlich ist es nämlich so, dass erst im Laufe der Zeit wortwörtlich mehr Farbe ins Spiel kommt und sich die gesamte grafische Pracht erst langsam entfaltet. Die ersten etwas drögen Eindrücke verschwanden sehr schnell und so dauerte es auch nicht lange, bis Gris meinen ästhetischen Nerv zum Glühen brachte.

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In Schönheit (nicht) sterben. Selten eine so wundervolle Spielewelt gesehen.

In der Regel seht ihr die Spielfigur in normaler Größe, nur wenn das Spiel an manchen Stellen herauszoomt, damit ihr einen besseren Überblick der aktuellen Situation bekommt, erscheint sie eben recht klein in der riesigen Welt.

An dieser Stelle möchte ich auch ausdrücklich den Soundtrack und die Effekte loben. Die Musik ist atmosphärisch sehr gelungen und zieht euch immer tiefer in die Spielwelt hinein, während sie situationsabhängig das Tempo und die Tonalität dem Spielgeschehen anpasst. Dabei bleiben die Soundeffekte jedoch immer angenehm zurückhaltend.

Es gibt keine Hilfe und kein Handbuch

Manchmal scheint es ja so, dass Entwickler denken, sie hätten es bei ihren Spielern mit einem Haufen Vollpfosten zu tun und erklären jeden Furz der Steuerung so ausführlich, dass es ein dreijähriger kapieren sollte. Gris hält sich diesbezüglich angenehm zurück. Es gibt überhaupt kein Tutorial. Neue Spielmechaniken werden durch subtile Einblendungen immer dann aufgezeigt, wenn sie eingeführt werden.

Das ist auch Teil des großartigen Spielkonzepts. Am Anfang könnt ihr eigentlich nur laufen und hüpfen, alle anderen Möglichkeiten eröffnen sich erst nach und nach. Im Gegensatz zu vielen Genrekollegen, versteht es Gris auf virtuose Art und Weise, immer wieder neue Spielmechaniken einzuführen – und zwar bis zum Ende des Spiels. So kann erst gar keine Langeweile durch repetitives Gameplay aufkommen.

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Auch dieser kleine Kerl spielt eine Rolle. Welche, verrate ich euch aber nicht ;)

Im Übrigen existiert auch keine (Mini-)Map, die euch die Orientierung erleichtern könnte. Das ist am Anfang auch gar nicht nötig, da ihr eh nur einen Weg gehen könnt. Allerdings öffnet sich die Spielwelt im Laufe der Zeit und ihr bekommt Optionen. Ich habe da stellenweise ein wenig den Plan verloren und bin schlussendlich einem Weg gefolgt, ohne zurückzukehren und eine andere Abzweigung auszuprobieren. Das macht aber nichts, denn ihr könnt nach dem Ende einzelne Kapitel auswählen und verpasstes nachholen.

Story ohne Worte

Es gibt keine Sprachausgabe und auch keine Bildschirmtexte. Ist auch nicht nötig, denn es gibt im Grunde keine Geschichte. Oder doch? Schwer zu sagen, jedenfalls wird euch nichts direkt erzählt. Es ist vielmehr so, dass ihr euch selbst eine Story zusammenreimen müsst – wenn ihr denn wollt. Das geht auch tatsächlich, wenn ihr alles emotional aufnehmt und so mutmaßliche Erklärungen für das Schicksal der Protagonistin Gris findet.

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WTF? Keine Ahnung, hab ich mich öfters gefragt. Wer diese Stein-Tante ist? Tja...

Das klingt jetzt wahrscheinlich ein wenig versponnen und das ist es auch. Ich habe mir durchaus eine Geschichte überlegt, die die Dinge einigermaßen erklärt. Möglicherweise stimmt die auch so halbwegs mit dem überein, was sich die Entwickler gedacht haben, aber sicher bin ich mir da nicht. Dazu müsste ich sie vermutlich persönlich fragen.

Es gibt also eine Menge Interpretationsspielraum und diesbezüglich ist die Ähnlichkeit zu Journey nicht von der Hand zu weisen. Auch Gris ist eine Reise voller Höhen und Tiefen, im wahren wie auch im übertragenden Sinne.

Die richtige Balance

Spielerisch gibt sich Gris ebenfalls keine Blöße. Zwar ist weder der Teil, der eure Jump'n'Run Skills fordert besonders anspruchsvoll, noch sind die Rätsel außergewöhnlich schwierig. Ich bin wirklich nicht gut in Hüpfspielen, hatte aber nur selten Probleme. Da ihr nicht sterben könnt, ist es auch nicht weiter tragisch irgendwo herunter zu fallen. Müsst ihr eben den Weg nochmal gehen. Ich musste deshalb die ein oder andere Passage 4-5 Mal wiederholen, aber wie gesagt, ich bin auch wirklich mies in dem Genre.

Das Spiel ist zu jeder Zeit sehr fair und zumindest bei mir ist niemals Frust aufgekommen. Ganz im Gegenteil, ich habe jede Minute der knapp 7 Stunden, die ich bis zum Ende gebraucht habe, mit allen Sinnen genossen. Es sind auch noch ein paar Aufgaben übrig geblieben, die ich nach dem Abspann noch angehen will, denn eigentlich habe ich noch gar keine Lust dieses kleine Meisterwerk endgültig zu beenden.

Fazit: Gris
95/100
95/100

Ich kann wirklich nicht viel an Gris kritisieren. Für mich ist der Titel der Nomada Studios nicht mehr und nicht weniger, als der beste Plattformer, den ich je gespielt habe. Natürlich hinkt ein Vergleich mit Donkey Kong, oder Super Mario gewaltig, denn bis auf das Genre hat Gris mal so gar nichts mit ihnen gemein.

Vielleicht wäre eine (optional nutzbare) Karte nicht schlecht gewesen und von mir aus hätte man das Ende noch ein wenig hinauszögern können, aber mehr fällt mir nicht ein, was man verbessern könnte.

Zu einem Preis von ca. 17€ bekommt ihr jedenfalls eine 6-8 stündige Reise geschenkt, die ihr euch keinesfalls entgehen lassen solltet. Gris ist eine absolut fantastische Indie-Perle!

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