Google Stadia im Test (Teil 2)

Chromecast Ultra, Stadia Controller, Store & Spiele, Fazit

Seit etwa drei Wochen nutze ich Stadia als primäre Spiele-Plattform und habe mittlerweile ein recht klares Bild von Google’s Streaming-Dienst. Klar genug, um folgende Frage beantworten zu können: Ist Stadia ein revolutionärer Sturm, oder doch nur ein laues Lüftchen?

Meine ersten Eindrücke basierten noch auf ein paar Tagen Erfahrung mit Stadia auf PCs und Laptops, da ich den zum Spielen auf dem TV nötigen Chromecast Ultra erst später erhalten habe.

Google Stadia im Test: Erste Eindrücke

Im Paket war neben dem Chromecast auch der Stadia-Controller in der Farbe Nightblue. In dieser Variante gibt es den Controller nur im Founder’s Paket, das nicht mehr erhältlich ist. Wer jetzt Stadia Pro bestellt, bekommt ein schneeweißes Gamepad.

Der Controller

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Ich bin gerade in meiner orangenen Phase, man möge mir das entschuldigen. Dafür knallt das Bild auch richtig schön rein :)

Die Farbe des Eingabegeräts ist natürlich Geschmackssache, aber objektiv lässt sich feststellen, dass die Verarbeitungsqualität sehr gut ist. Alle Knöpfe sind gut erreichbar, selbst für meine eher kleinen Hände, und entsprechen qualitativ dem Xbox One Controller. Google hat sich auch für die gleiche Belegung der Aktionstasten mit dem YBAX-Schema entschieden, was ich sehr begrüße. Switch-Besitzer wissen um die Problematik beim Wechsel zwischen den Plattformen aufgrund dem Buchstabensalat auf dem Pro-Controller.

Ansonsten entsprechen Form und Layout in etwa dem DualShock 4, mit horizontal angeordneten Thumbsticks. Das ist nicht jedermanns Sache, und auch ich bevorzuge die diagonale Anordnung des Xbox-Controllers, aber das ist Meckern auf hohem Niveau. Das Stadia Gamepad liegt sehr gut in der Hand und nach einer kurzen Eingewöhnungszeit bin ich sehr gut klargekommen.

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Größenvergleich Stadia- und Xbox One-Controller. Googles Gamepad ist ein kleines bisschen größer, funktioniert aber dennoch auch mit kleinen Händen.

Ein bisschen Schade ist allerdings, dass der Stadia-Controller nur am Chromecast/TV drahtlos verwendbar ist. Wollt ihr am PC zocken, muss ein Kabel her. Ich vermute mal, dass es in Zukunft auch möglich sein wird am PC kabellos zu spielen, aber Stand heute geht es leider nicht wireless.

Chromecast Ultra

Wollt ihr am TV zocken, benötigt ihr aktuell einen Chromecast Ultra als Stream-Receiver. Das funktioniert allerdings nur mit dem mitgelieferten Modell. Eventuell schon vorhandene Chromecasts können nicht für Stadia genutzt werden.

Theoretisch könnte man den Chromecast sogar drahtlos betreiben, aber das macht nur bedingt Sinn, da Spiele-Streaming empfindlich auf Paketverluste im Netzwerk reagiert. Ich habe es kurz ausprobiert, aber leider stockt dann der Stream immer wieder und das macht keinen Spaß.

Ein Arbeitskollege hatte aber wohl keine Probleme beim drahtlosen Streamen. Grundsätzlich kann das also durchaus funktionieren, aber eine Garantie gibt es dafür nicht.

Im Betrieb wird der Chromecast auch sehr heiß. Wäre das Teil etwas größer, könnte man vermutlich problemlos Eier darauf braten. Das muss kein Problem sein, aber es wäre eine Erklärung für sehr selten vorkommende Freezes. Eigentlich eine seltsame Theorie, dass ausgerechnet Hitze für Erfrierungen verantwortlich sein soll, aber ist in diesem Fall sogar gut möglich.

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Schlichtes Design, ohne Schnick-Schnack. Allerdings entwickelt der neue Chromecast Ultra ziemlich viel Hitze.

Es ist mir auch nur zweimal passiert, nachdem ich etwa 5-6 Stunden am Stück gezockt habe. Den Chromecast Aus- und Einschalten hat das Problem jedoch gefixt und ich konnte ohne weitere Ausfälle ein paar weitere Stunden spielen.

4K/60 oder doch nur 2K/30?

Am PC ist Full-HD mit 60 FPS das höchste der Gefühle. Google möchte zwar höhere Auflösungen am PC in Zukunft unterstützen, aktuell geht das aber nur, wenn ihr über den Chromecast am TV zockt.

Zumindest in der Theorie. Nicht alle Spiele erreichen volle 4K Pixel, sondern werden in 1440p gerendert und auf 4K hochskaliert. Red Dead Redemption ist so ein Spiel, das die Pixelzähler von Digital Foundry genauer unter die Lupe genommen haben.

Ich will deren Ausführungen hier jetzt nicht wiederkäuen, aber es läuft darauf hinaus, dass die Bildqualität im Vergleich zu einem nativen Bild der Xbox One X insgesamt etwas schlechter ist. Also nicht nur kein 4K, sondern auch ein unschärferes und detailärmeres Bild.

Das klingt jetzt aber schlimmer, als es in Wahrheit ist. Die Unterschiede sind so gering, dass es beim Spielen kein Problem darstellt. Es sei denn, ihr habt parallel immer die Xbox Version im Direktvergleich. Aber wer macht denn sowas?

Inklusivspiele, aber kein Nextflix

Der schönste Streaming-Dienst nutzt nichts, wenn man nix zum Zocken hat. Als Stadia Pro Abonnent stehen aktuell Destiny 2, Tomb Raider – Definitive Edition, Landwirtschaftssimulator 19 und Samurai Showdown ohne weitere Kosten zur Verfügung. Google möchte dieser Liste jeden Monat 1-2 Spiele hinzufügen, wodurch im Laufe der Zeit eine beträchtliche Inklusiv-Bibliothek entstehen könnte. Im Grunde so ähnlich wie bei PS Plus.

Natürlich kann man aber auch Geld im Store ausgeben. Das war in den ersten Tagen gar nicht mal so einfach, da der Store nur per Handy-App erreichbar war. Mittlerweile kann man aber auch im Chrome Browser einkaufen. Allerdings geht es Stand heute nicht am TV über den Chromecast Ultra.

Die Spieleauswahl ist zur Zeit auch noch sehr begrenzt. Etwas über 20 Spiele können käuflich erworben werden, zu Preisen wie sie am PC üblich sind. Damit meine ich natürlich nicht die Preise aus den Key-Stores, sondern die allgemeinen UVPs.

Überschaubare Spieleauswahl

Ob die Spieleauswahl taugt, ist einerseits Geschmackssache. Andererseits fehlen, zumindest für meinen Geschmack, ein paar ganz wichtige, aktuelle Multiplattform-Titel, wie beispielsweise COD: Modern Warfare, Battlefield 5, Star Wars Jedi: Fallen Order oder auch starke AA-Titel wie The Outer Worlds. Für RPG Fans ist im Grunde auch nichts dabei und F2P-Spiele sind auch noch keine vorhanden. Warframe wäre toll, oder auch Warface.

Wenn ich jetzt aber mal ganz ehrlich bin und an den Launch der PS4 denke, so gab es damals auch nicht mehr, oder bessere Spiele. Es ist wohl eine Frage der Zeit, bis alle Bedürfnisse im Store befriedigt werden können. Dazu gehören neben den Spielen auch noch andere Features.

Rudimentärer Store

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Man kann Spiele im Store kaufen und ... sonst nix :) Die Software ist in allen Belangen rudimentär, erfüllt aber ihren Zweck.

Ich finde das Layout des Stores aktuell noch sehr unübersichtlich. Das funktioniert so zwar gerade noch mit 20-25 Spielen, aber wenn da mal ein paar Tausend Spiele drin sind, findet man gar nichts mehr.

Es gibt auch keine Bewertungen und Reviews, allgemein gibt es überhaupt keine Community Funktionen, und vielleicht sollte ich lieber aufzählen, was der Store kann. Das ufert sonst hier total aus. Also, man kann Spiele kaufen. Punkt. Das war‘s.

Das gilt im Grunde auch für die eigene Spielebibliothek. Man kann die Spiele finden und starten. Punkt. Das war’s auch hier. Hoffentlich kommen wenigstens bald die Spielestatistiken. Und wenn wir schon dabei sind: Trophäen wären auch ganz nett.

Auf mich wirkt die gesamte Stadia-Oberfläche ziemlich schlecht strukturiert und auf das Allernötigste reduziert. Mit heißer Nadel kurz vorm Launch zusammengeschustert. Ok, Letzteres ist reine Spekulation, aber sieht halt danach aus.

Fazit

Ich habe mich dagegen entschieden den Artikel als Review zu markieren. Dann hätte ich eine Wertung vergeben müssen und das kann ich nicht mit meinem Gewissen vereinbaren. Google Stadia steckt noch in den Kinderschuhen. Es ist durch und durch Early Access. Eine Technologie, die noch etwas reifen muss, ein Konzept, das sich noch entwickeln muss.

Es ist jedoch nur eine Frage der Zeit, bis Stadia (und andere Streaming-Dienste) wirklich technisch voll überzeugt, und bis dahin dürfte auch die aktuelle Dürre im Store Geschichte sein. Spätestens dann werden auch die Schreihälse im Netz verstummen, die heute noch alles schwarz malen, was auch nur im Entferntesten mit Streaming zu tun hat.

Aktuell kann ich Stadia aber nur zwei Gruppen empfehlen. Den Tech-Enthusiasten, die sich genau darüber im Klaren sind, dass sie Early-Adopter einer noch nicht ausgereiften Technologie sind. Und außerdem noch Gelegenheitsspielern, die nicht einen Haufen Geld für einen PC, oder eine Konsole ausgeben wollen und die nicht gleich jeden einzelnen Pixel zählen.

Absolute Grundvoraussetzung ist natürlich eine stabile und gute Internetanbindung. Unterhalb 16 Mbits/s braucht ihr es gar nicht erst versuchen. Außerdem kann es nicht schaden, in geographischer Nähe zu einem Google Rechenzentrum zu wohnen. Mein Standort ist etwa 200km entfernt und ich habe einen Ping von etwa 20ms. Dazu eine 200 Mbit/s Kabelanbindung ohne DSLite Tunnel. Im Grunde also optimale Bedingungen und von daher läuft Stadia für mich auch ziemlich gut.

Sturm oder laues Lüftchen? Gegenwärtig würde ich sagen, eine sanfte Brise, die sich aber im Laufe von 1-2 Jahren zu einem ernstzunehmenden Sturm entwickeln kann. Sagt meine Glaskugel und die hat immer Recht.

Was denkt ihr über Game-Streaming im Allgemeinen und Stadia im Speziellen? Eine gute Sache, oder kommt das für euch nicht in Frage? Schreibt eure Meinung gerne in die Kommentare.

Über den Author: Timo "Dukuu" Schweda
Dukuu liebt Videospiele und schreibt auch gerne darüber. Auch hängt er gerne mal die krumme Nase in die Kamera und labert dummes Zeug über Videospiele. In seiner Freizeit sollte er lieber mal mehr Sport machen und weniger zocken, damit die fette Wampe ein wenig kleiner wird. Wobei... wen interessiert's?

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